Das Ende meiner ZEIT

Sehr geehrter Herr Dr. Esser, sehr geehrtes Zeit-Abo-Team,

hiermit kündige ich mein DIE ZEIT Abo (Kundennummer: 29018458xxxx) per sofort bzw. zum nächstmöglichen Zeitpunkt.

Ich hatte beim Abschluss des Abos wohl noch aus Studententagen ein verklärtes Bild von der ZEIT als weise, intellektuelle, zeitgeistkritische Wochenzeitung, deren einziger Haken darin besteht, dass man sie nie durchgelesen bekommt.

Leider musste ich in den letzten Monaten feststellen, dass mir die gefühlte Gesamtausrichtung auf saturierte Bildungsbürger alter Schule (und das meine ich nicht im guten Sinne) das Lesevergnügen zunichte macht. Es sind einfach zu viele Artikel, in denen mit kokettem Sarrazinismus („das muss man doch mal aussprechen dürfen“) schlecht bezahlte Sozialarbeiter lächerlich gemacht werden, weil sie sich persönlich für Hartz IV Empfänger engagieren. Oder die Bedrohung der christlich-jüdischen Grundwerte durch integrationsunwillige Moslems heraufbeschworen wird. Und selbst wenn eine Reportage über einen faulen Sozialschmarotzer diesen Einzelfall richtig darstellt, so wirkt sie ja immer exemplarisch für das große Ganze. Und wenn die Gegenbeispiele einfach fehlen, dann ist das Gesamtbild eben sehr schief. Hier wäre redaktionelles Feingefühl bei der Themenzusammenstellung und auch bei den Überschriften gefragt. Die aktuelle Ausgabe mit der Titelseite „Hut ab vor der FDP“ – „Verfolgte Christen“ – „Schon das Verhüllen war für sie Fremd (…) unheimliche Faszination“ konnte diesen Eindruck nicht zerstreuen. Und alles eingebettet in Werbung für handgemachte Uhren für 5999,- Euro und den neuen 7er BMW.
Die Zielgruppe der ZEIT scheinen endgültig wohlhabende 60+ Aktionäre zu sein, die aus Angst vor den fremden Massen der Ausländer und Hartz IV Empfänger ihre Eppendorfer Gated Communities nicht mehr verlassen.
Und allerlei schön geschriebene Reise- und Feuilletonartikel reichen nicht aus, um meine beim Lesen aufgekommene Übelkeit zu übertünchen.

Bitte überweisen Sie die für das Abo zuviel gezahlten Beträge auf mein Konto Nr. 4919xxxxx bei der Postbank Hamburg BLZ 20010020.

Mit freundlichen Grüßen,

*goodsquirrel*

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Hartz IV: Anreiz zur Veränderung

Als unsere Kanzlerin die etwas knauserig ausfallende Erhöhung der Hartz IV Sätze verteidigte, hatte sie ein zentrales Argument gegen alle, die ihr nachweisen wollten, dass man von Hartz IV eigentlich nicht menschenwürdig leben könne. „Hartz IV darf eben nicht als Dauerlösung verstanden werden. Es geht nicht darum, von Hartz IV angenehm leben zu können, sondern darum, den betroffenen Menschen einen Anreiz zu geben, möglichst schnell wieder in Arbeit zu kommen.“ (oder so ähnlich, genaues Zitat darf gern nachgereicht werden)

Und in gewisser Weise hat Frau Merkel recht: es ist ungerecht und auch gesellschaftspädagogisch falsch, bei jungen Leuten das Gefühl entstehen zu lassen: Arbeiten bringt nichts, ich leb viel besser mit Hartz IV und hab den ganzen Tag Zeit zum Rumhängen und Drogen nehmen. Aber nicht nur diese Leute bekommen Hartz IV. Der tolle Clou an der Hartz IV Einführung war ja die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe. Aber wer waren noch gleich die ehemaligen Sozialhilfeempfänger? Sind das nicht auch Arbeitslose? Ja, aber eben keine Arbeitssuchenden oder – ich scheue mich etwas vor dem Nazijargon – Arbeitsfähigen. Es sind alte Leute mit Minirente, Leute mit Behinderungen, psychisch Kranke, alleinerziehende Mütter mit vier Kindern, und andere Leute, die keineswegs einen Anreiz brauchen, endlich das faule Leben aufzugeben und für sich selbst zu sorgen. Für diese Leute ist Hartz IV ein Dauerzustand. Die 74jährige Oma braucht keinen schmerzhaften Anstoß, endlich mal ne Bewerbung im nächsten Call Center abzugeben. Sie wird den Rest ihres Lebens von Hartz IV leben, vielleicht noch 20 Jahre lang. Und wenn sie diese Zeit nicht menschenwürdig leben kann, dann ist das schlimm und ungerecht.

Die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe mag verwaltungstechnisch sinnvoll gewesen sein. Inhaltlich war sie es nicht. Ob bürokratischer Aufwand oder nicht: es muss differenziert werden. Eine soziale Gesellschaft muss entscheiden können, wer in einer sozialen Notlage ist und Unterstützung braucht, und wer versucht, auf Kosten der anderen ein faules Leben zu führen. Und diese Entscheidung muss tatsächlich basieren auf einer individuellen Fallprüfung, bei der ein kompetenter Mensch nach bestem Wissen und Gewissen über das Wohl und Wehe der Antragsteller urteilt. Hier könnten auch durchaus mehrere Entscheidungs-Instanzen möglich sein, bzw. die Möglichkeit, vor einem klassischen Gericht, diese Entscheidungen überprüfen zu lassen. Klar ist das mit Aufwand verbunden. Klar sind hier Fehlurteile möglich. Klar ist es auch hier nötig, dass die Antragsteller einen Teil ihrer Privatsphäre aufgeben müssen, um sich misstrauisch kontrollieren zu lassen. Aber für eine gerechte soziale Gesellschaft sind solche Entscheidungen glaube ich unumgänglich.

Ich persönlich glaube nämlich nicht, dass die in diesem Zusammenhang oft vorgeschlagene Alternative „bedingungsloses Grundeinkommen“ (http://www.grundeinkommen.de/) tatsächlich funktioniert. Ich befürchte, dass eine Volkswirtschaft leider irgendwie doch darauf angewiesen ist, dass Arbeit nicht nur aus Spaß und Selbstverwirklichung erledigt wird, sondern auch aus der Not heraus, seinen Lebensunterhalt bestreiten zu müssen. Wer will schon freiwillig tagein tagaus Fischdosen in Kartons packen, Bahnhofstoiletten auswischen, oder bei der Berliner S-Bahn die Beschwerden beantworten?

Ich glaube: ein bedingungsvolles Einkommen für sozial Benachteiligte ist viel besser. Nur eine Differenzierung der Bezieher von gesellschaftlichen Leistungen kann dem allgemein schwelenden und von Frau Merkel propagierten Vorurteil entgegenwirken, dass eigentlich alle Hartz IV Empfänger faule Schmarotzer sind, die dringend einen Anreiz brauchen, endlich mal arbeiten zu gehen.

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Die Bärenbadewanne

Das Squirrel stand auf einer Anhöhe hinter dem Wald. Von den Kollegen war nichts mehr zu sehen. Die Sonne schien und die Pinien schaukelten im Wind.

Unten im Tal war eine große Bärenbadewanne. Kein Bär war dort, nur eben die Wanne. Daneben lagen in paar Nüsse. Das Squirrel sauste los.

Wo ist Squirrel? Der Chef der Squirrelgruppe im Wald war verunsichert. Keine Ahnung, sagten die Kollegen, aber hier sind ein paar Nüsse! Der Squirrelführer aß eine Nuss. Die anderen Squirrels schwärmten aus, um vielleicht noch ein paar Schnürsenkel fürs Abendessen zu ergattern.

Squirrel rutschte die Nordseite der Bärenwanne hinunter und rannte die Südseite wieder hoch. Dann aß es eine Nuss und tanzte um die Wanne herum. Ein Glück, dass kein Bär da ist, dachte es, und nahm eine weitere Nuss. Plötzlich ein schrilles quietschendes Geräusch.

Die Squirrelgemeinschaft stand am Waldrand. Sie quietschten laut und hüpften und winkten ins Tal hinunter. Sie sahen das Squirrel und die Badewanne. Das Squirrel tanzte. Die Sonne schien. Die Pinien schaukelten im Wind.

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Sprache Duden Knigge

Blog schreiben ist schön. Endlich kann ich mal wieder über Sprache nachdenken. Und da fällt mir gleich als erstes ein, wie nervig ich es immer finde, wenn mir Leute erzählen wollen, wie die deutsche Sprache richtig geht: nämlich so, wie es im Duden steht. Irgendwo muss man sich schließlich dran halten. So ein Blödsinn.

Sprachregeln sind Verhaltensregeln

Eine natürliche Sprache verändert sich. Aber ist Sprechen nicht „Regeln folgen“ (Wittgenstein)? Wenn ja, dann müsste man sich Sprachregeln meiner Meinung nach am besten so vorstellen wie alle anderen Verhaltensregeln in einer Gesellschaft auch. Wenn man gut in einer Gesellschaft zurecht kommt, dann beherrscht man auch deren Verhaltensregeln. Klar kann man im Knigge nachschlagen, dass man heutzutage nicht mehr „Gesundheit“ sagt. Aber man wäre schön blöd, sich daran zu halten. Denn wenn man als erfahrener Mitmensch das Gefühl hat, „Gesundheit“ sagen zu wollen, dann ist das auch richtig so. Der Knigge fasst ja nur im Nachhinein zusammen, wie sich die in bestimmten Handlungssituationen erfolgreichen Leute eben faktisch benommen haben. „Turnschuhe sind auf Staatsbegräbnissen tabu“ wird nur gelten, bis Joschka Fischer eines Tages unter die Erde kommt und die geladenen Gäste plötzlich das Gefühl haben, nein: Turnschuhe sind heute genau richtig.

Genitiv des Lebens und Genitiv beim ZDF

Und genau so läuft es mit der Sprache. Seit mindestens fünfzig Jahren benutzen fast alle Leute nach „wegen“ den Dativ. Und sie fahren gut damit. Trotzdem behaupten Leute, das nach „wegen“ der Genitiv stehen müsse. Warum nur? Vielleicht weil sie selbst von frustrierten Lehrern und möchtegern-gebildeten Eltern dazu angehalten wurden, nicht mehr zu sagen „Aber es ist doch wegen dem Schild!“ (Feuerzangenbowle)? Weil der Genitiv nach Präpositionen überhaupt sehr geeignet ist, einen besonders hochgestochenen altertümlichen Sprachstil zu prägen?
Ich habe nichts gegen den Genitiv. Er ist ein natürlicher Teil der deutschen Sprache und teilweise eine schöne stilistische Möglichkeit sich der Erhabenheit einfacher Dinge zu besinnen.
Ob nach „wegen“ der Genitiv steht oder nicht ist keine Frage von richtig oder falsch, sondern eine Frage des Stils. Lustigerweise fordert z. B. das ZDF von seinen Nachmittagsserienproduzenten, dass in den Dialogen bitte nach „wegen“ der Genitiv benutzt werden soll. Wie in den guten alten Heinz Rühmann Filmen. Auf diese Weise sorgt das ZDF per Dekret dafür, dass sich die über 70jährigen sprachlich zu Hause fühlen.

Ich bin übrigens gerade überrascht und begeistert, dass ich scheinbar offene Türen einrenne mit meinem Artikel hier. Der Wikipedia-Eintrag zum Genitiv ist z. B. in einem Ton geschrieben, der meiner Vorstellung von Sprache und Sprachwissenschaft sehr nahe kommt. Yippie! Da hat die Sprachwissenschaft in Deutschland offenbar in den letzten 10 Jahren einiges dazugelernt.

Aber das sollte ja nur ein Beispiel sein. Ähnlich verhält es sich mit dem Konjunktiv bei indirekter Rede, von dem verbohrte Deutschunterrichtsfetischisten behaupten, er müsse immer benutzt werden, wenn Leute Sprachfetzen nicht in Anführungszeichen zitierten: „Das steht nämlich so im Duden.“ Auch hier ist das maßgebende Kriterium: Sprache ist so, wie sie eben von erfahrenen Leuten gesprochen wird. Und da wird eben sehr häufig der Konjunktiv einfach weggelassen, weil es total hochgestochen unnatürlich klingt und die indirekte Rede auch so völlig klar ist.

Verhaltensregelbücher und Sprachregelbücher sind super. Für Fremde. Für Leute, die keine Ahnung vom Leben im Prenzlauer Berg haben. Für mich sind sie total irrelevant. Außer ich fahr nach Griechenland. Da kann ich sie gut gebrauchen.

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Gutmenschen

Auf Radio Eins erinnerte ein Kommentator gerade daran, dass sogenannte „Gutmenschen“ eigentlich gar nicht so schlecht seien, obwohl sie ja seit einiger Zeit sehr diffamiert werden. „Schlechtmenschen“ gebe es schließlich schon genug. Es sei zum Beispiel toll, dass Wolfgang Thierse sich aktiv gegen die Neonazi-Demonstration am 1. Mai eingesetzt hat. Ohne die Gutmenschen hätte der Aufmarsch ungehindert stattgefunden, durch sie wurde er verhindert. Völlig klar, sollte man meinen. Wie konnte „Gutmensch“ überhaupt zu einem Schimpfwort werden? Fast so schlimm wie „Frauenversteher“?

Gute Menschen sind super, Gutmenschen verlogen

Niemand ist vollkommen. Niemand handelt immer nach seinen theoretischen moralischen Maximen. Menschen haben Triebe, Gelüste und Spaß auch an unmoralischen und intellektuell zweifelhaften Dingen. Und der Spaß hat oft auch damit zu tun, dass es unmoralisch ist. Der tief verwurzelte kindische Spaß daran, etwas Verbotenes zu tun, definiert uns Menschen geradezu als freie, mächtige Individuen. Hihi, ich könnte jetzt einfach alle Kekse alleine aufessen. Ich könnte jetzt einfach die Welt in die Luft sprengen. Ich könnte dem Idioten mit dem blöden Grinsen jetzt einfach mal einen saftigen Kinnhaken geben. Klar, ich mache es nicht. Oder nicht ständig. Aber ich könnte und hätte manchmal Lust dazu. Gute Menschen stecken in einem Dilemma.

Gutmenschen dagegen tun so als hätten sie keine bösen Gedanken und Wünsche. Gutmenschen können das Böse nicht verstehen. Sie sind nicht nur langweilig, sondern verlogen und in gewisser Weise gefährlich. Sie sind zu Recht in Misskredit geraten. Wir brauchen in einer offenen Gesellschaft keine Gutmenschen sondern Menschen, die möglichst oft auch mal was Gutes tun. Zum Beispiel sich gegen Naziaufmärsche auf die Straße setzen.

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Mein neuer Schreibzwang

Ich habe beschlossen, hier möglichst jeden Tag etwas zu schreiben und zu veröffentlichen, auch wenn es vielleicht niemand liest. Denn manchmal behaupte ich, auch vor mir selbst, dass ich „eigentlich“ Autor sein will. Obwohl ich so gut wie nie schreibe. Keine Romane. Keine Kurzgeschichten. Keine Comics. Keine Drehbücher. Keine Essays. Keine Nachrichtenartikel. Keine Songtexte. Keine Gedichte. Aber echte Autoren haben doch diesen Schreibzwang. Jede Minute. Tag und Nacht. Diese Manie. 2000 vollgekritzelte Moleskinebüchlein. Nur ich hab das irgendwie nicht.

Ab heute bin ich dabei. Jeden Tag mindestens 100 Wörter. Egal was. Notfalls zehn Zeilen „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“

Hochachtungsvoll,

Ferdinand Eichhorn (26), Autor

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